Open Source 2013: Für alle von allem etwas

News am 30. Juni 2013 von Konzertheld

Open Source Main StageOpen Source, quelloffen, bedeutet für Software: Offen für alle. Jeder kann sehen, was passiert, und jeder kann mitmachen. Auch das Open Source Festival in Düsseldorf ist für alle da.

Schon im letzten Jahr fiel es positiv auf durch seine angenehme, entspannte Atmosphäre, das interessante Konzept dreier Bühnen gemischt mit verschiedenen Projekten in den „Open Squares“ und die vielfältige Musikauswahl.

In diesem Jahr tönte der Veranstalter nach einer verregneten Woche, am Festivaltag werde die Sonne immer mehr durchkommen und uns ein angenehmes Festival bescheren. Tatsächlich trocknen in Dortmund schon die Pfützen weg, als ich losfahre, und als dann PDR als erste Band auf der Main Stage spielen, der Sänger die Sonne ankündigt und genau beim ersten Akkord die Wolken aufreißen, ist das Sommerfeeling vollends da. PDR, die aus Düsseldorf kommen und sich einen „It’s PDR!“-Sample gebastelt haben, passen da wunderbar rein, auf die Hauptbühne, die am Fuß des begrünten Hanges steht, so dass die Zuschauer ausnahmsweise mal von oben auf die Band herab schauen.

Open Source PDR2010 waren sie schonmal beim Open Source, damals auf der kleinen Bühne. Im Januar diesen Jahres präsentierten sie ihr neues Album in Düsseldorf und offenbar haben sich einige Fans eingefunden, die auch im Januar schon dabei waren und sich nun über Songs wie Best Before Monday oder Walking On Water freuen. Lässiger Electropop, eine total entspannte Band und eine Mischung aus Fans, neugierigen Stadtbewohnern und interessierten Festivalbesuchern aus Rheinland und Ruhrgebiet, ein guter Einstieg in ein gutes Festival.

Auf der Carharrt-Stage, die meist einen Gegenpol zum Programm auf der Mainstage bietet, kämpfen anschließend Bung’O und Bird mit Feedback-Problemen. Mit ihrem afrikanischen Trommelset machen sie das, was ich immer mal wollte – Percussion live samplen und immer weiter ergänzen. Leider bekommt die Technik die Feedbacks nicht in den Griff, sodass es zurück zur Mainstage geht, wo inzwischen Jacco Gardner sein Set begonnen hat. Dank kurzer Wege zwischen den Bühnen kann man schnell wechseln, von jeder Band einen Teil sehen und im Zweifel auch wieder zurück gehen.

Jacco Gardner passt noch besser zu der vorherrschenden entspannten Sommer-Liegewiesen-Stimmung als PDR. Konnte man vorhin noch tanzen, wenn einem danach war, fordert die Musik nun geradezu dazu auf, sich ins Gras zu legen, die Augen unter der Sonnenbrille zu schließen und einfach zuzuhören. Die Band vermittelt auf der Bühne derweil eine Menge Spaß an ihren Liedern und spielt sich geradezu in Ekstase, ohne dabei jedoch laut zu werden. Während der Bassist das durch reichlich Bewegung tut, steht der Sänger und Keyboarder verträumt hinter seinen elektronischen Orgeln und scheint beinahe in seiner Welt zu versinken.

Open Source Jacco GardnerBarocker Gesang kombiniert mit einer ausgefallenen Mischung aus den Klängen verschiedener Keyboards, Cembalo und psychedelischen Gitarren ergibt Songs wie Clear the Air – eine Mischung, die so manchem Festivalbesucher eine Erleuchtung bescheren dürfte und einmal mehr zeigt, wie vielfältig Musik sein kann.

Überhaupt bieten die Bands dieses Jahr reichlich Gelegenheit, den Gedanken im Sonnenschein freien Lauf zu lassen. Grandbrothers, die auf der Young Talent Stage spielen, haben aus platztechnischen Gründen ihren großen Flügel nicht mitgebracht und durch ein Keyboard und einen Computer ersetzt. Vom Computer live eingespielt werden dabei synthetische Samples, die verschiedene Anbauten des Flügels ersetzen – die beiden Musiker ergänzen die Saiten im Flügel um zahlreiche elektromechanische Elemente, die eine Ansteuerung der Saiten vom Computer aus ermöglichen. Der im Flügel entstehende Klang wird dann separat abgenommen und live abgemischt, eine ganz neue Art des vierhändigen Klavierspiels quasi. Da der Aufbau vier Stunden in Anspruch nimmt, wird auf Festivals mit reiner Synthetik gearbeitet – optisch nicht so beeindruckend anzusehen, klanglich aber trotzdem überzeugend.

Viel Zeit zum Quatschen mit der Band bleibt leider nicht, da als nächstes FM Belfast auf der Hauptbühne spielen. Dort haben sich inzwischen deutlich mehr Menschen eingefunden, darunter auch viele Fans. Die Isländer zaubern ein im Wortsinn buntes Spektakel – die Sängerin ist mehr damit beschäftigt, die Bühne in allerlei bunte und glitzernde Bänder zu hüllen, als zu singen. Zu Gesang und Gitarre gibt es einen Tänzer, der immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich zieht, sowie elektronische und akustische Beats. Man könnte die Musik, wenn man sie nur hört, als Partymusik bezeichnen – aber von dem damit verbundenen Klischee der stumpfen Vier-Viertel-Takte und betrunkenen, schlechten Musiker sind FM Belfast so weit entfernt, dass es eine Beleidigung wäre.

Open Source FM BelfastDas Schlagzeug zum Beispiel kommt zum Teil aus der Drum Machine, zum Teil aus akustischen Trommeln und zum Teil aus Mesh Heads (Trommeln, die wie akustische gespielt werden, aber im Klang elektronisch verändert werden können). Der Schlagzeuger benutzt dabei einen Cocktail-Set-Aufbau – er spielt im Stehen, oder sagen wir besser, im Springen. So viel Bewegung wie hier habe ich lange nicht auf einer Bühne gesehen! Nicht nur der Tänzer fliegt vorne regelrecht über die Bühne, auch die Sänger nutzen jede Gelegenheit, das Publikum zu animieren. Bekanntere Lieder wie Par Avion werden einfach eingestreut, da sowieso durchgehend gefeiert wird. Schon beim zweiten Lied gibt es Sitzpogo und auch sonst sind die meisten längst von ihren Handtüchern aufgestanden. Nur beim Killing in the Name-Cover werden wir angehalten, nicht mehr fröhlich, sondern wütend zu sein, und die Mittelfinger rauszuholen. Durch die bizarre Coverversion und die knallbunte Bühnendeko klappt das nur mäßig, aber da auch die Band danach direkt weiterfeiert, machen wir gerne mit bei diesem Konzert aus reiner Lebensfreude!

Nachdem wir bei FM Belfast den aufgeweichten Boden in eine Matschwiese verwandelt haben, ist Zeit für die verschiedenen Stände, die regionale und andere kulturelle und gemeinnützige Projekte vorstellen. Bei Terre des Hommes erkennt mich jemand vom Traumzeit-Festival wieder. Auch Lemonaid sind wieder dabei – die verkaufen Limonade, die aus fair gehandelten Zutaten hergestellt wird und durch ihre Einfachheit guten Geschmack bieten soll. Davon kann sich jeder selbst überzeugen – man darf die Limonade auch selber machen! Schön zu sehen, dass das Projekt sich nicht nur gehalten, sondern sogar um neue Geschmacksrichtungen erweitert hat.

Aufmerksamkeit erregt auch der Vinyl-Dom des Plattenlabels Desolat: Eine von Hand gebaute Kugel aus Schallplatten, in deren Innerem selbige aufgelegt werden können. Desolat möchte die Möglichkeit geben, Musik selbst in der Hand zu halten – „Physical Music Experience“ ist hier das Stichwort. So darf jeder mal auflegen und mischen und erleben, wie sich Musik anfühlt, die in Vinyl gepresst wurde.

Open Source DarkstarAn der Carharrt-Stage machen sich nun gerade Darkstar bereit, die im Gegensatz zur Vinyl rein elektronisch arbeiten. Ein extrem breiter Sound, der mich an das Hörerlebnis beim Alkoholrausch erinnert… ergänzt um zahlreiche elektronische Samples und prägnante Beats entfaltet sich hier ein wunderbarer Klangteppich – für nachts, wenn man alleine zuhause ist. Tagsüber auf einem Festival kommt das sehr merkwürdig, entsprechend zeigt das Publikum auch nicht viel Aktion und auch die Band hat keinen Bock. „Are you all still alive?“

Obwohl die meisten Bands eine Stunde und mehr spielen, verging der Tag bisher wie im Flug. Es wird langsam kühl, die ersten Gäste überlegen, wann sie zum Stahlwerk fahren – dort wird das Festival nach Einbruch der Dunkelheit fortgesetzt. Einige der Bands von der überwiegend elektronisch ausgerichteten Carharrt-Stage werden zwischen anderen Acts in der Halle nochmal performen oder im Club auflegen, bevor am frühen Morgen Modeselektor den Abschluss macht.

Davor gibt’s aber noch Ö (ja, ein Buchstabe), eine Düsseldorfer HipHop-Kombo mit Live-Schlagzeug und Saxofon. Und Live-Sampling – ein Element, was sich durch den ganzen Tag zog. Einige Zuschauer dürfen ihre beat-tauglichen Geräusche einbringen – der Producer baut daraus einen exklusiven Open Source-Beat zum Text vom Track Bunt. Auch hier haben sich inzwischen viele Leute eingefunden – zu Recht, denn verständliche Themen und klar gewalt- und drogenfreie Texte sprechen auch gerappt viele Besucher an und nehmen dem HipHop seinen schlechten Ruf bei den anderen Musikgenres.

Ein guter Abschluss für ein gelungenes Open Source – und ein bunter Querschnitt aus dem Publikum vor der Young Talent Stage. Jugendliche, Eltern mit ihren Kindern, junge und ältere Erwachsene, irgendwo auf dem Gelände der Trabrennbahn findet jeder etwas, was ihm gefällt. Bis 2014, Open Source!

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