Aerophilia 2013 – The House of House

News am 6. August 2013 von Anne

aerophilia13 flairVergangenes Wochenende, im Nirgendwo von Brandenburg, unter 11.000 Tonnen Stahl – da gab es Menschen, die waren tief bewegt. Ein Festival wurde geboren. Auf dem Gelände des F60 Besucherbergwerks entfaltete sich das Aerophilia. Nicht nur ein weiteres Showcasefestival, sondern insgesamt eine tolle Idee dahinter, die sich jedoch unter erschwerten Wetter-bedingungen beweisen musste. Unter dem Strich stand am Ende eine gelungene Performance mit leichten Abzügen in der B-Note.

Lichterfeld, der 2. August 2013. Zunächst einmal: Hitze. Die Sonne pelzte einem bereits Freitag bei Ankunft derart auf den Buckel, dass die Vollendung des Zeltaufbaus in einem Befreiungsschrei mündete. Ab etwa 14 Uhr hüpften die Schweißperlen dann im Takt der Musik von der Stirn, denn die ersten Beats streckten ihre Ärmchen Richtung Zeltplatz aus. Wer aber sein Stoffhotel zwischen Trockengräsern und kleinen Nadelbäumchen errichtet hatte, den interessierte zunächst nur das Wasser. „Wo geht’s hier zum See?“ war die Frage, die dem Großteil auf die Stirn geschrieben stand. So kam es, dass sich die Aerophilisten Freitags schon zahlreich am Baggersee versammelten und den ersehnten Sonnenuntergang genossen.

aerophilia13 baggersee FRDie Location war tatsächlich traumhaft. Ein flaches, weitläufiges Areal, über das die F60 – „der liegende Eifelturm der Niederlausitz“ – wacht. Ein Koloss aus Stahl aus Zeiten des Tagebaus, der der Szenerie ihren unvergleichlichen Charakter gab. Das Auge blieb stets dran hängen. Angrenzend zum Festivalgelände fand sich der tiefer gelegene Baggersee, vom Veranstalter liebevoll „unsere kleine Ostsee“ genannt – und damit lag man gar aerophilia13 planschennicht so falsch. Der Gedanke vom Urlaub am Meer drängte sich unweigerlich auf. Wer allerdings baden wollte, musste eisenhaltiges Wasser mit einem ph-Wert von 4,5 in Kauf nehmen. Auch sonst war milde Vorsicht geboten an den Sandhängen: Dünen und See lagen außerhalb des abgesteckten Festivalareals und das Betreten erfolgte auf eigene Gefahr. Den meisten war das allerdings ziemlich lax. Das kühle Nass war zu verlockend.

aerophilia13 seefloorAuf dem Festivalgelände selbst gab es vier Floors, drei davon Open Air. Seefloor und Lokfloor boten die größten Tanzflächen unter freiem Himmel und waren summa summarum am besten besucht. Dennoch war das Bild am frühen Freitagabend etwas ernüchternd, da sich die Festivalbesucher wohl aufgrund der Hitze rar machten. Gegen 21 Uhr reiste noch einmal ein Schwung Tanzwilliger an, doch auch zu späterer Stunde blieb es sehr überschaubar auf den Floors. Auch Aerophilia Dennis Zegarnik Lokfloor FRins Zirkuszelt, in welchem sich Floor Nr. 4 befand, mochte nach diesem heißen Tag keiner mehr so recht. Am Sound kann es nicht gelegen haben, der lag nämlich zu jeder Minute bestens in der Luft. Die Anlagen waren top, so wie es sein soll. Die Bässe galoppierten stets vollmundig Richtung Gehörgang. Zu gefallen wusste am Freitag vor allem Dennis Zegarnik mit seinem Set, der Opener des Lokfloors.

Samstag war mehr Betrieb, nur war es ebenso glimmend heiß. Die Zelte kochten schon früh am Morgen und glücklich war, wer ein Sonnensegel hatte, unter das er sich rollen konnte. Wer keines hatte, löschte sich im Baggersee ab, dessen Strand von Tag zu Tag voller wurde. So blieb das Festivalgelände tagsüber wenig betanzt. Besonders dem Seefloor mangelte es an Schattenplätzen. Am Strand gab es zwar auch keinen Schatten, aber immerhin das kühle Wasser. Da war die Entscheidung für viele klar.
Schade! Der Meinung war auch Festivalbesucher Robert aus Berlin, dem die Musik tagsüber teils besser gefiel als nachts: „Wer sich morgens hochrappelte, der wurde durchaus belohnt, mit Spanks zum Beispiel – das hatte echt Schmackes!“

aerophilia13 schatteninsel seefloorNebst diesem wunderschönen Do-it-yourself-Objekt aus Baumstämmen und Planen, das Platz für eine handvoll Menschen vor dem Seefloor bot, gab es weiterhin kein schattiges Plätzchen zum Verweilen vor dem Seefloor. Seitlich des Lokfloors konnte man sich noch in den Schatten des Stahlgerüsts retten. Wer der Musik also nahe sein wollte, chillte und wippte dort im Schatten mit. In der ballernden Sonne tanzten lediglich ein paar Hartgesottene.
Mehr dieser Schatteninseln, mehr Sonnensegel um die Bühnen – das wärs gewesen.

aerophilia13 adana twins crowd seefloorSchließlich konnte man aber zusehen, wie das Tanzvolk mit schwindendem Sonnenlicht erwachte, alles aus der Versenkung auftauchte und die Tatsache gefeiert wurde, dass die „scheiß beschissene kack Sonne!“ (O-Ton eines Überhitzten) endlich weg war. Die Dunkelheit war die Erlösung. Es wurden feinste elektronische Beats geatmet und alles verfügbare Blut in das Tanzbein geleitet. Die Spielarten des House frohlockten vor die Box.

Auf aerophilia13 glückauf floordem Aerophilia fand letztlich jeder das Set seiner Wahl, an das er seine Ohrmuschel schmiegen konnte. Mit dem Line-Up hatte man ein Glanzstück vollbracht. Die Mischung aus House und Techno und allem, was dazwischen lag, zog nicht nur die Berliner aus der Stadt, sondern Polen, Franzosen, Holländer, Belgier und Schweizer über die Landesgrenzen hinein in die bebende brandenburgische Provinz. „Mein lieber Scholli!“ platzte es aus einem Mann einer Besuchergruppe des Bergwerks heraus, als es mal wieder auf dem Glück Auf Floor in schönster Weise rummste. Widersprechen wollte ihm keiner.

Nach fast 2 Tagen Endlosblau am Himmel begann der Wetterumschwung dann am frühen Samstagabend. Ein Wölkchen gesellte sich zum anderen und die Sonne hatte Sendepause. Fritz Zander kommentierte dies mit sphärischen Dub House auf dem Seefloor. Etwas später machte das Motor City Drum Ensemble alle wild und der Tanzapparat stand unter Strom.

aerophilia13 daniel bortz aerophilia13 egokind zirkusfloor

Etwa parallel dazu rollte Daniel Bortz seine treibenden Bässe aus und sorgte für Glücksmomente – Highlight Nummer zwei des Abends. Trotz der Abkühlung die die Nacht brachte, war man gut beraten, definitiv auch mal im Zirkuszelt vorbeigeschaut zu haben. Dort sorgten tolle Lichtinstallationen für u.a. noch deepere Deephouse-Erlebnisse. Fennec & Wolf und auch Egokind tischten Sets auf, die in Erinnerung blieben.

aerophilia13 camping tagsüberWas stach sonst positiv hervor, abgesehen von Location und Sound?

In jedem Falle the art of camping. Hier musste nichts in Reih und Glied stehen und jeder konnte sein Zelt positionieren, wie es ihm beliebte. Die abgesteckten Flächen lagen teils höher oder niedriger, waren markiert und kleine bis mittelhohe Tännchen fungierten als natürlicher Sichtschutz. Gut verteilt, nicht dicht an dicht – so hat das der IMG_2731Festivalhopper gern. Außerdem lobenswert: das Sanitär. Clean dixies for the people? Check! Genug an der Zahl und außerdem mehrfach gereinigt. Wer wollte, fand hier fast zu jeder Zeit ein sauberes Plastiktoilettchen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Nicht zuletzt waren die Leute hinter den Tresen und Kulissen mehr wie dufte drauf. Hier ein Schnack, da ein Plausch, und immer gut gelaunt. Da lachte das Festivalherz.

aerophilia13 wechselstube tokenAbgesehen von der Sonne, quengelte man hier und da über die Chip-Währung „Token“, die als Zahlungsmittel galt und an zwei Buden gegen Bares umgetauscht werden konnte. Ob das Argument der einfacheren und schnelleren Bezahlung bei einem wirklich kleinen und weniger betriebsamen Festival wie diesem noch tragfähig ist – hier gingen die Meinungen auseinander. Letztlich war ein Token 1,40 Euro wert und die Plastikchips waren womöglich schneller über die Theke geschoben als so mancher Euro. Top wiederum: auch mit EC Karte kam man an Token!

Was wurde vermisst? Ein wenig Flair, der aufgrund der Weitläufigkeit des Geländes etwas auf der Strecke blieb. Die Bühnen bzw. DJ-Pults schmückten äußerlich keinerlei Deko, somit lagen die Floors am Tage doch etwas brach unter dem Stahlwerk. Etwas zu isoliert erschienen sie zudem in ihrer Anordnung.

aerophilia13 discokugel baggerNachts wurde das Stahlkonstrukt eindrucksvoll in verschiedenster Weise beleuchtet und auch eine gigantische Discokugel, die an der Unterseite baumelte, war Teil der wunderbar surrealen Inszenierung. Ein dunkelbuntes Vergnügen. Doch gerade tagsüber wirkte alles ein wenig entzaubert.

Festivaltag 3 – die finale Phase

Der Sonntag war nun sichtlich bedeckt und weitaus weniger heiß. aerophilia13 lokfloor sonntagDas war Anlass zum Ausatmen und die Tanzlaune nahm direkt zu. Bereits am Nachmittag zählte man mehr Tanzbeine vor der Lok als an den Tagen zuvor. Ben Tauber und La Fleur übernahmen zu diesem Zeitpunkt die Beschallung. Der Seefloor wurde am Sonntag bereits geschlossen: Timetable Change. Alle Acts wurden problemlos auf die restlichen Bühnen umverteilt. Grund: Man hatte einfach doch mit mehr Besuchern gerechnet.

Wahrlich schade, aber in der Konsequenz die absolut richtige Entscheidung, das Geschehen auf die anderen Bühnen zu zentrieren. Und siehe da: der Sache tat das keinen Abbruch: Zackbumm – Full House auf dem Lokfloor! Der Sonntag sollte noch mal richtig zünden.

Robosonic legten heißen Scheiß auf und bekamen sichtlich Zuspruch. Ein Sonntagshighlight. Auch die Round Table Knights brachten den Zappelphilipp in vielen hervor, doch ein heftiger Wolkenbruch brachte dann zunächst das Programm zum Erliegen – Flucht unter die Bar-Überdachung des Glück Auf Floors oder rein ins Zirkuszelt zu Tom Trago. Ja, es war in vielerlei Hinsicht extrem. Eine Herausforderung für das Aerophilia. Trotz Hitze und Regen lag jedoch zu jeder Zeit auch die Liebe zur Sache in der Luft, mit der dieses Festival auf die Beine gestellt wurde. Die Mission war spürbar.

aerophilia13 sundown campsiteEine große Fläche will auch zu Teilen genutzt werden, sonst fühlt man sich schnell verloren. Das ist nicht immer einfach, aber das Aerophilia ist ein Festival mit Potential, das steht außer Frage. Zudem darf man sich als Neuling hier und da einen Schnitzer leisten, schließlich muss der ein oder andere Einfall auch erst erprobt werden. Rein musikalisch war das allenfalls ein schönes rundes Ding. Der Vibe war gut, das Miteinander war äußerst herzlich und trotz aerophilia13 zirkusfloor lichtHitze sei behauptet: jeder bekam musikalisch dann doch das auf die Ohren, was er sich erhofft hat.

Wenn jetzt noch an entsprechenden Stellen nachgebessert wird, eröffnet sich unter der Welt aus Stahl im nächsten Jahr ein noch intensiveres Gesamterlebnis. Ein Festival, das ein wenig mehr Anlaufpunkte zum Verweilen bietet und die Strandgänger den Hang hochlockt, darauf hoffen wir für 2014. Und wenn der dicke Soundteppich im nächsten Jahr wieder über der Ebene des F60 Besucherbergwerks ausgerollt wird, dann weiß man: Das Aerophilia hat wieder Houserecht.

Weitere Eindrücke vom Festival findet ihr bei uns auf Instagram.

[Fotos: © Sebastian Pohl & Anne Giese]

Ein Kommentar zu “Aerophilia 2013 – The House of House”

  1. Nummer 1: willi am meer sagt:

    War das festival für tanzmäuse und beachboys. Einfach geil endlich mal platz nachdem sonst alles ausverkauft und bis zum anschlag voll gestopft ist, konnte man endlich mal die seele baumeln lassen. Der fokus nur auf house musik ist neu gewagt aber geht ab und der see ph wert ist nachdem festival besser dank urin.
    Grad ging auf facebook die bombennews nächstes jahr von donnerstag bis montag im letzten august wochende. Juchuuuuuu

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