Lollapalooza 2016: Musik-Giganten beim hippen Hauptstadtfestival

News am 14. September 2016 von awi

Philip Poisel gesamt # Lolla '16Das Lollapalooza war in der Hauptstadt in aller Munde, noch bevor es angefangen hatte. Das zweite Mal in Folge machte die globale Festivaltournee auch in der deutschen Hauptstadt halt und stand zuvor unter keinem guten Vorzeichen: Der Umzug vom Tempelhofer (Flughafen) Feld in den Treptower Park in Osten der Stadt rief die Nachbarn auf den Plan. Bis kurz zuvor stand das gesamte Festival auf der Kippe, obwohl die Veranstalter vielen betroffenen Anwohnern Hotelzimmer für Samstag und Sonntag erstatteten, die am Abend nicht in den Geschmack von den Gitarrenriffs von Kings of Leon und Radiohead aus dem benachbarten Gartendenkmal kommen wollten.

Damit war das Festival bei seinem einzigen Stop außerhalb des amerikanischen Kontinents ungewollt Stadtgespräch und gar Gegenstand des Wahlkampfes, obwohl es im öffentlichen Park die strengen Auflagen erfüllte. Die hatte es sich teilweise auch selbst auferlegt. Denn das Lollapalooza versprach „Nachhaltigkeit“ ins Zentrum der Hauptstadt zu bringen. Die beiden Festivalhopper Aaron und Antonia waren sich bis zum Schluss nicht ganz einig, wie gut das Konzept umgesetzt wurde. Das diesjährige nachhaltige Festival-Thema „Klimawandel“ wurde nicht wirklich groß angekündigt oder vermarktet. In jedem Fall wirkte es nicht so, als wäre deshalb ein Großteil der 70.000 Besucher in den Treptower Park gekommen.

Publikum Years & Years # Lolla '16„Der Grüne Kiez“ als sozialer und ökologischer Marktplatz von lokalen NGOs und Gruppen, die sich im weitesten Sinne mit Nachhaltigkeit auseinandersetzten, waren sehr liebevoll gestaltet. Wirklich neu war die Idee aber nicht: Die Beteiligung von verschiedenen regionalen und deutschlandweiten Organisationen sieht zwar auf vielen anderen Festivals nicht so detailverliebt und schön in Holz verkleidet aus, sie sind aber vertreten. Und auch kleinere und größere Kunstaustellungen, Lesungen, Workshops und Verköstigungen im Sinne der Nachhaltigkeit, Achtsamkeit und Entschleunigung sind schon länger erfolgreich, weil gefragt im deutschen Festival-Dschungel. Aber vielleicht nicht im nord- und südamerikanischen: Denn insgesamt merkte man dem Festival seine Idee der Internationalität an. Doch wie erfolgreich waren die Veranstalter im zweiten Jahr in Berlin, das Konzept eines der größten US-amerikanischen Festivals nach Deutschland zu übertragen? Diese Frage sollten sich unsere beiden Festivalhopper noch des Öfteren in den zwei Tagen in Berlin stellen, besonders im Bezug auf das Booking.

Die vorab angepriesene Auswahl an Künstlern aus verschiedensten Genres auf dem Festival zog ein sehr vielseitiges Publikum an, sowohl im Alter, als auch in der Nationalität. Die zum Großteil nicht unbedingt festivalerprobte Besucher sollten, bei einigen Acts wie sich herausstellte Fluch und Segen zugleich sein. Besonders bei eher ruhigen Künstlern, deren Ziel es nicht ist, die Massen durch Entertainment zu überzeugen.

JungeJunge (2)

Das Festival begann für die Festivalhopper mit einer Bootsfahrt auf dem #musikdurstig Floß, auf dem über beide Tage verteilt Acts wie Alle Farben oder auch, wie in unserem Falle, Junge Junge für 45 Minuten im kleinen Rahmen auftreten sollten. JungeJungeGewinnspielsieger hatten das Glück des Sommers auf ihrer Seite, und so war die von Warsteiner veranstaltete Aktion auf der Spree ein super Start, um sich einzustimen.

Den Anfang auf dem Festivalgelände (zumindest) für die Festivalhopper machten am Samstag Kaiser Chiefs auf der Alternative Stage am Ost-Ende des langen und sehr schmalen Festivalareals. Dieser erste Besuch sollte damit auch der letzte an der drittgrößten Bühne bleiben, denn sofern man auf den zwei Mainstages am anderen Ende die gesamten Konzerte miterleben wollte, blieb man der abgelegenen Alternative Stage fern. Die beiden sich schräg gegenüberliegenden Main Stages waren so getaktet, dass die Konzerte im Wechsel spielten – ohne Pause.

Neben der Alternative Stage konnten sich die Freunde der elektronischen Tanzmusik indes auf der Perry’s Stage (benannt nach dem Festival-Gründer) vergnügen. Hier zeigte sich allerdings deutlich, woher das Festival kommt. Die meisten Acts dort kamen aus der EDM (Electronic Dance Music). Auf der anderen Seite des atlantischen Ozeans ist elektronische Musik mittlerweile auch mal im Mainstream angelangt. Unter EDM fällt Publikum Paul Kalkbrenner # Lolla '16damit allerdings alles musikalische, was halbwegs elektronisch anmutet und sich durch den kommerziellen Fleischwolf drehen lässt: namentlich David Guetta, Skrillex, Calvin Harris, Tiesto und Steve Aoki und ihre „Featurings“. Und irgendwie beanspruchen die Amerikaner seitdem das Patent, diese Musik erfunden zu haben, so wie damals bei Rock und Hip Hop (wo es durchaus berechtigt war). Dass der Techno aus Detroit einst erst nach London und Berlin -heute unangefochtene Hauptstädte der subkulturellen elektronischen Musik- exportiert werden musste um groß zu werden: geschenkt! Wenigstens Paul Kalkbrenner wurde auf die Mainstage gebracht, und konnte ein sehr euphorisches Publikum und Heimspiel für sich verbuchen.

Max Herre & Joy # Lolla '16Damit begann der Samstag so richtig also erst mit Max Herre und dem Kahedi Orchester von seiner MTV-Unplugged Show. Dieser teilte sich, wie man das vom Hamburger gewohnt ist, mit vielen Freunden die Bühne. Seine Parterin Joy Denalane kam bereits beim zweiten Lied und alten Freundeskreis Song „Esperanto“ auf die Bühne. Es sollten Megaloh und andere Gäste folgen. In der heißen Nachmittagssonne wippten im Publikum junge Fans zu den Songs von seiner Platte „Hallo Welt“ und die älteren frönten besonders den Freundeskreis Liedern. Bei „Anna“ mussten die Fans beim Text aushelfen, als der Rapper gleich mit den Lyrics zur zweiten Strophe beginnen wollte – möglicherweise auch eine Folge von Soundproblemen, wie man an Max‘ immer wiederkehrenden Blicken zum Monitormischpult vermuten konnte. Sympathisch gestand sich den Fehler ein und fing nochmal von vorne an. Der Hamburger Rapper schaffte ziemlich erfolgreich, seine Unplugged Songs vom Studioauftritt atmosphärisch auf den ersten Abend eines heißen und staubigen Festivals zu übertragen.

Philip Poisel # Lolla '16 (2)

Es folgte Philipp Poisel auf der Main Stage 1, der knapp eine halbe Stunde vorher schon einen Vorgeschmack auf seinen Gig bei „Wolke 7“ mit Max Herre auf Hauptbühne Nummer 2 gegeben hatte. Bereits bei Max hatte Philipp Poisel stoisch auf den Bühnenboden geblickt, bei seinem eigenen Auftritt wirkte er häufig etwas von der Rolle. Bei dem einzigen Festivalauftritt dieses Jahr blieb er abseits seiner Fans wohl am ehesten damit in Gedächtnis, dass er einige Tränen selbst vergoss und Probleme hatte, seine melancholischen Songs über Trennung & Herzschmerz fortzuführen.

Paul Kalkbrenner # Lolla '16Im Anschluss musste sich Paul Kalkbrenner noch einen Moment gedulden. Während Philip schräg gegenüber noch weiter tanzte, als gäbe es kein Morgen mehr, wartete Paul auf der Bühne belustigt darauf, endlich aufzulegen. Die fünf Minuten Verzögerung schadeten Paul Kalkbrenner nicht wirklich, da er ohnehin ein Heimspiel hatte. Die euphorische Menge feierte und dankte dem enthusiastischen Paul mit entspannter Tanzerei, wie sich das gehört bei der Art von Electro eines Mitglieds der Familie Kalkbrenner.

Auf dem Weg zu Kings of Leon wurde es dann sehr eng: Besucher*innen berichten aufgebracht auf Facebook von Szenen, die kurz vor einer Massenpanik waren, in dem Moment, wo sich die Zuströme der Alternastage & Paul Kalkbrenner hinter dem FOH der Main Stage 1 trafen. Dafür schien das Konzept vom LollaBerlin nicht richtig ausgearbeitet; ohnehin überraschend war die Devise, die Zugänge zu dem Bereich vor dem Wellenbrecher, quasi den ersten Bereich, von beiden Seiten zugänglich zu machen und nicht über Securities zu regeln, wie es bei etablierten Festivals der Dixies # Lolla '16deutschen Festivalszene schon lange Usus ist – nicht nur bei den größten Festivals wie Hurricane / Rock am Ring, sondern auch z.B. beim Deichbrand, das etwas mehr als die Hälfte der Besucheranzahl vom Lollapalooza erreicht. Warum also dieses freie Konzept? Da muss das Lolla definitiv nachbessern. Dabei haben die Veranstalter dieses Jahr durchaus gezeigt, dass sie offen für Kritik sind: Nach genervten Besucher*innenstimmen aus letztem Jahr, die eine gefühlte Ewigkeit an den Dixies anstanden, fuhr das Festival im Treptower Park dies mal eine Dixie Menge auf, welche weite Teile der zentralen „Absolut-Allee“ säumte, wie die umbenannte Puschkinallee hieß (ironischerweise selbst ein Vodka).

Kings Of Leon # Lolla '16THE WALLS HAVE COME DOWN! Am Freitag vor dem Festival veröffentlichten Kings Of Leon ihre ersten Single „Waste A Moment“ vom kommenden Album „We Are Like Lovesongs„; Der ganze Prozess des Album-Teaserns steht sinnbildlich dafür, welchem Problem Kings Of Leon nicht nur beim Festivalauftritt am Samstag trotzen mussten: Nahezu jede Person auf dem Gelände kannte wohl „Sex On Fire“ und „Use Somebody“, aber scheinbar wenige sind wirkliche Fans. Die Diskrepanz zwischen KOLs beiden alles-überschattenden Hits und ihrem großen, exzellenten Backkatalog machen KOL beinahe schon zu One-Hit-Wonder-ähnlichen Band.

Selbst der ehemals so mächtige New Music Express oder der alternde Rolling Stone verkündeten sorglos bei den ersten Teasern des siebten Albums, der Titel sei „WALLS“, ohne dabei zu beachten, dass alle Albumtitel von KOL für gewöhnlich aus 5-silbigen Titeln bestehen. Vermutlich um falsche Vermutungen nicht weiter zu befeuern, änderte das Management schließlich den Ankündigungspost für das Album um die Ergänzung „We Are Like Lovesongs“, das Akronym WALLS auflösend. KOL scheinen nicht nur vom Festival-Publikum nicht ganz verstanden zu sein, sondern auch in der Musikpresse – so verhaspelt sich beispielsweise Rolling Stone Autor Niasseri in Süffisanz, nur um wichtige Eckpunkte der Followills zu vergessen.

Kings Of Leon 2 # Lolla '16Unter anderem deshalb hat insbesondere Sänger Caleb ein schwieriges Verhältnis zu seinen Fans, sagte in der chaotischen Phase nahe der Alkoholabhängigkeit bei der Tour nach „Come Around Sundown“ in Interviews, dass er Fans, die über „Use Somebody“ zur Band gelangt sind, nicht für richtige Fans hält, leistete sich ziemlich zickige Auftritte u.a. beim Pinkpop 2011 und haderte mit dieser ungleichen Berühmtheit. Bei eigenen Konzerten der letzten KOL Tour sah man Caleb regelmäßig auftauen und scheinbar emotionalere & persönliche Ansagen machen. Letztlich ist Caleb so stark wie wenige andere Sänger/Frontmänner ein Spiegel des Publikums – so auch beim Lollapalooza, bei dem sich ein eher desinteressiertes Publikum bei einem hohen Unterhaltungs-Geräuschelevel von KOL bespaßen ließ, sich aber konsequent weigerte, mitzumachen. Bei dem kolossalen „Pyro“ war es Gitarrist Matthew, der noch mal energisch aber vergebens versucht, die Menge zum Mitsingen der Bridge zu bewegen. Caleb dankt es ihnen mit knappen, austauschbaren und unnötigen Ansagen über „die besten Fans der Welt“ (welch Ironie beim Lollapalooza!) und bat, doch bitte das Album zu kaufen. Da wirkt es fasst schon unpassend persönlich, dass Caleb seinem Cousin Matthew zum Geburtstag gratuliert.

Kings Of Leon 3 # Lolla '16Sehr schade, denn Kings Of Leon SIND keine Partyband, müssen es aber auch nicht sein. Das Zusammenspiel der vier Amerikaner bzw. fünf, zählt man den Backing-Musiker dazu, ist grandios und für den brillanten Sound würden sicher einige Indie-Bands ohne mit der Wimper zu zucken ihre Kredibilität aufgeben. Für das Lollapalooza liefern die drei Brüder & ein Cousin Liebhaberstücke aus ihrer Album-Historie, inklusive „Milk“ und „The Bucket„, spielen gar nicht so viel aus dem letzten Album „Mechanical Bull„, stattdessen mehr aus dem bahnbrechenden dritten Album „Because Of The Times„. Neben „Waste A Moment“ gibt’s aber nur einen neuen Song zu hören: „Over„. Übertriebener Protektionismus? Die meisten Besucher*innen hätten bis zum nächsten Tag vermutlich eh wieder vergessen, welche Songs sie da gehört haben. Sobald „Use Somebody“ beginnt, gibt es dann doch Jubel und unzählige Handys werden zum Filmen hochgehalten, ähnlich beim abschließenden „Sex On Fire“. Lange Jahre war doch das eskalative „Black Thumbnail“ der passende Schluss mit Knall, seit einiger Zeit endet das Set dann doch mit einem großen Hit – dies mal ohne „Black Thumbnail“ überhaupt zu spielen. Auch die Pyro-Effekte zu „Sex On Fire“ haben sie dieses Mal zuhause gelassen. Die Setlist im Treptower Park wirkt lustlos zusammengeschustert, mit wenig Liebe für’s Detail. Vielleicht auch gerade deshalb passend auf’s Publikum gemünzt.

Kings Of Leon haben doch eigentlich eine gute Beziehung zum Format Lollapalooza: Für den Auftritt in Chicago 2014 bereiteten KOL eine besondere Setlist vor, mit einem raren Live-Cover von Robyns „Dancing On My Own“ (Nie klang die Phrase „I’m not the girl you’re taking home“ so männlich-seufzend wie aus Calebs Rachen!), dem mittlerweile seltenen „Cold Desert“ und einigen anderen Überraschungen – das Chicagoer Publikum wusste der Band zu danken. Hier in Deutschland bleibt es allerdings dabei: Headliner-Slots sind für KOL in Deutschland undankbar, selbst, wenn sie sich qualitativ und größentechnisch eigentlich keinen Deut hinter Musik-Business Dinosauriern wie Radiohead verstecken müssen – wenn selbst deren Gitarrist Ed O’Brian die Kings of Leon als seine Lieblingsband bezeichnet.

Hier geht es weiter zu Teil zwei unseres Lolla Rückblicks: „Lollapalooza 2016: Sonntag mit Sonne, Staub und Radiohead„.

Fotos: Aaron Wilmink ; Text: Antonia Wegener/Aaron Wilmink

Auch zur Berlin-Premiere 2015 besuchten wir das Lollapalooza Festival, hier gibt es „Bilder vom Lollapalooza Festival 2015 in Berlin“ und hier „10 Gründe, warum Berlin das Lollapalooza 2015 brauchte„, sowie „12,5 Auftritte, die wir beim Lollapalooza Berlin gesehen haben„.

Das Lollapalooza Berlin 2017 wird am 09. und 10. September stattfinden.

Ein Kommentar zu “Lollapalooza 2016: Musik-Giganten beim hippen Hauptstadtfestival”

  1. Nummer 1: Lollapalooza 2019 – das Hauptstadtfestival im Rückblick sagt:

    […] 2016 berichteten wir von einem ambivalenten Auftritt der Kings of Leon beim Lollapalooza mit einer eher lieblosen Setlist, durch die sich Sänger Caleb Followill hangelte. Dieses Jahr überraschte Caleb mit guter Laune und der gesamte Followill Clan mit einer Playlist und Reihenfolge, die eher auf Fan-Gigs als auf Festivalauftritte zugeschnitten schien: Mit dem mittlerweile sehr raren “Cold Desert”, ebenso wie mit “Black Thumbnail” als furiosen Abschluss, wie es die Jungs aus Nashville über lange Zeit in der Setlist platziert hatten. […]

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