Summerjam 2017: Wie viel Hiphop verträgt ein Reggae Festival?

News am 6. Juli 2017 von awi

Wie viel Hiphop verträgt ein Reggae-Festival? Schon im Vorfeld beschwerten sich einige Fans über die Auftritte von Rappern, die in den letzten Jahren mehr und mehr geworden seien. Dieses Jahr Sido als einer der Headliner – kann das funktionieren beim Summerjam?

Am Freitagmittag sieht es nicht so aus. Ob es dem angekündigten Dauerregen geschuldet ist, der dem Namen Summerjam so gar nicht angemessen ist, dem Abbruch von Rock am Ring, dem furchtbaren Anschlag von Manchester oder tatsächlich der Bandauswahl der Veranstalter- bleibt erstmal offen.

Auffällig sind die kurzen Schlangen am Einlass, den Ständen, den Toiletten- und nicht zuletzt auch vor den zwei großen Bühnen.

So spielt OK Kid am frühen Abend auf der größeren Red Stage und man findet auch nach Beginn locker noch ein Plätzchen mit Bühnensicht. Doch die Stimmung ist ungebrochen, was vermutlich auch daran liegt, was Sänger Jonas mit „es gibt kein Festival, das so gut riecht“ beschreibt, aber sicherlich auch an einem guten Auftritt der Band, die sich selbst auf kein Musikgenre festlegen will. Mehr dazu in unserem Interview mit OK Kid vom Hurricane 2017 (folgt)!

Die Soulsängerin Joy Denalane sorgt mit ihrer Samtstimme und den hoffnungsfrohen Titeln „alles leuchtet“ und „Himmel berühren“ für gute Laune und ein lautstark mitsingendes Publikum. Nach und nach füllen sich dann auch die Reihen bis sich die Menschen vor der Red Stage dicht drängen- und das trotz oder gerade wegen des etwas ungewöhnlichen ersten Headliners Sido. „Ich war mir nicht sicher, ob ich der Richtige für das Summerjam bin“, erklärt er selbst etwas überrascht.

Es folgt ein Auftritt, wie man ihn eigentlich erwartete. Sido teilt seinen Bühnen-Wodka mit ein paar Fans in den vorderen Reihen und lässt sich vom Publikum relativ leicht mit einem „Aber ihr seid schuld, wenn ich später Astronaut verkacke!“ zum Trinken überreden und so hallt mehrfach ein „Prost Sido“ über die Festival-Insel. Die Zugabe allerdings hätte sich Sido wohl eindeutig sparen können. Die Verherrlichung einer Vergewaltigung ist und bleibt schlichtweg ekelhaft. Erschreckend auch wie lautstark das Publikum dies einforderte. Schade für dieses Ende eines sonst sehr passablen Auftrittes.

Ganz andere Töne bei Jah9 and the Dub treatment. Die jamaikanische Sängerin ruft ihre ‚Brothers’ im Publikum dazu auf sich mit ihren ‚Sisters’ zu solidarisieren und prangert sexualisierte Gewalt an, in einem insgesamt sehr emanzipierten und spirituellen Auftritt, der an ein paar Stellen einer Rastafari-Werbeveranstaltung gleicht. Der Verweis auf sexualisierte Gewalt ist sowohl im Reggae als auch im Hiphop nicht ohne Grund: Beide Szenen haben Probleme mit Sexismus. Die Kampagne “Make Some Noise!” bemüht sich bereits seit Jahren um eine Aufarbeitung dieser Probleme. Dieses Jahr blieb es beispielsweise um Beenie Man relativ still, der sich 2012 bemühte, seine teilweise homophoben Texte der Vergangenheit auch dort zu lassen und damit eine zumindest kleine Debatte auslöste.

Im Punkt der Rastafari-Werbung allerdings war auch der Auftritt des Headliners vom Samstag Abend ähnlich: Damian Marley. Hier war von leeren Reihen nichts mehr zu spüren, denn selbst um die etwas entfernten Bildschirme drängen sich reihenweise Zuschauer*innen. Es folgt eine entspannte Mischung aus Reggae und Dancehall, eine Einführung in den medizinischen Nutzen von Marihuana als Einleitung für „Medication“ und eine gute Portion Roots-Reggae, nicht zuletzt auch bei „Is This Love“ einem Song seines Vaters Bob Marley. Mittlerweile ist es selten geworden, dass Summerjam nicht irgendeinen Marley Sohn als Headliner holt, Damian als wohl der erfolgreichste aus der Riege zeigt mit den vollen Reihen, dass der wortwörtliche Roots Reggae beim Summerjam immer noch mit am meisten zieht.

Der australische Sänger Jeremy Loops spielt am nächsten Tag Mundharmonika und Gitarre, singt und bedient die Loop Station gleichzeitig in einem Song, präsentiert Stolz ein Spielzeug-Klavier- auf dem er nach eigener Aussage seine ersten Loops machte und spielt einen noch unveröffentlichten Song. Auch aus Down under, ebenfalls mit Loop Station unterwegs ist Dub FX, der parallel zu Patrice eine beeindruckende Show auffährt, mit Basslines, die mit seiner Stimme produziert werden, dass man es kaum glauben kann, was er mit seinem Stimmorgan und einem dicken Haufen Effekten für einen dicht gewebten Soundteppich kreieren kann. Dazu noch eine extrem effektive Lichtshow und viel gute Laune – einer der besten Auftritte des Wochenendes!

Xavier Rudd, der in vielen Punkten etwas wie der große Bruder von Jeremy Loops wirkt, spielt etwas weniger Indie, dafür wesentlich mehr Reggae. Er ist der wohl authentischte Hippie, der diese Green Stage betreten hat: Spricht vom großen Spirit, davon, dass die Ureinwohner von Australien zu unrecht “Aboriginals” genannt werden und ihnen unrecht getan wurde, nebenbei unterstützt er -selbstverständlich- Umweltprojekte, lässt den Auftritt aber nie zu einer Veranstaltung werden, die bekehren soll oder den Zeigefinger erhebt. Doch als der Chor der Besucher*innen den bekanntesten Song “Follow The Sun” singt, erzeugt das ein warmes Gefühl, dass nachdrücklicher im Kopf bleibt als eine Ansprache – und sich selbst generell zu einem besseren Menschen macht. Zwar erreichte Xavier Rudd ohne seine “United Nations” Band nicht die Ekstase, die er magisterweise 2015 in die Gesichter der Betrachter*innen zauberte, dennoch scheint die Stimmung gelöster und besser als nach anderen Auftritten dieses Wochenende. Kein Wunder, dass er nach den regenreichen zwei Tagen zuvor selbst die Sonne überzeugt, bei seinem Auftritt fleißig zu scheinen.

Nach dem Dauerregen des Samstagnachmittags, bricht beim letzten Summerjam-Auftritt von Irie Révoltés erstmalig die Sonne durch. Die Reihen der kleineren Green Stage überfüllen sich, Platz bleibt nur dort, wo besonders tiefe Pfützen gelegen sind- also der perfekte Ort zum Tanzen, zumindest für einige der feiernden Fans. Für den Bühnenabriss fehlt es allerdings an Lautstärke. Direkt zu Anfang des Sets fordern die Fans „lauter, lauter“, doch ein paar Minuten später erklären Irie, es ginge wohl nicht lauter. Trotzdem feiert der ganze Platz, eine antifaschistische Fahne weht provisorisch an einem Stock befestigt durch das Publikum, zudem eine belgische. „Wir brauchen keine Fahnen“ kommentieren die Jungs von Irie die Landesflagge. Dann halten sie selbst mit einem „Refugees welcome“ und später mit einem „Antifaschistische Aktion“-Banner dagegen. Mit auf der Bühne war zwischenzeitlich auch Danakil nach seinem Auftritt auf der Red Stage.

Einen Gastauftritt hat auch Beenie Man am Sonntag Abend beim Headliner Toots & the maytals, die als Headliner vor einer doch verminderten Anzahl Fans spielen. Sänger Frederick “Toots” Hibbert vergisst ein paar Mal, dass er ein Mikrophon in der Hand hät und so variiert die Lautstärke seines Gesanges doch zum Teil sehr stark. Die schon etwas älteren Reggae-Künstler, die nach Andrew Murphy als die Mitbegründer des Reggae gelten und die Beenie Man ebenfall hochlobt, bringen das Festival aber insgesamt zu einem entspannten Ende, wobei entspannt das Wort ist, was wohl zu allen Auftritten des Wochenendes passt und dementsprechend einen runden Abschluss bot. Gegen Ende des Sets wurde über dem Fühlinger See ein großes Feuerwerk gezündet und ganz zum Schluss wurden die Festival-Besucher*innen schließlich traditionell von Moderator Andrew Murphy mit „Redemption-Song“ von Bob Marley verabschiedet.

 

Was gab es sonst noch?

  • Das Sicherheitskonzept: Nach den Anschlägen von Manchester und dem Abbruch von Rock am Ring, haben sich auch die Veranstalter des Summerjams neue Maßnahmen für den Ernstfall überlegt. Nach außen getragen wurde hiervon zunächst wenig, wobei die Sicherheitsdurchsagen, wie man sich im Ernstfall zu verhalten hat, natürlich jeder*m Besucher*in auffielen. Diese sorgten zwischenzeitlich auch bei der*m einen oder anderen für Verwirrung, da sie zwar am Anfang entsprechend eingeleitet wurden, wer jedoch etwas später an die Stage gelangte, hörte nur noch die Durchsage wie sie auch im Ernstfall abgespielt würde.
  • Festival Toiletten: An manchen Toilettenstandorten waren die Einzelkabinen getrennt in männlich und weiblich- der Sinn darin erschließt sich uns nach wie vor nicht.
  • Den Preis für die kreativste Bühnendeko bekommt in diesem Jahr Patrice, der sich einen eigenen kleinen Garten mit auf die Bühne stellte.
  • G-Eazy kann definitiv kreativer seinen Protest gegen Trump ausdrücken als Green Day beim Hurricane eine Woche zuvor: Er rappte neben den klassischen “Fuck Donald Trump” Sprechchören ein paar Bars über den amerikanischen Präsidenten. Ansonsten waren seine Ansagen allerdings eher mäßig abwechslungsreich. Begeistern konnte er dennoch.
  • Der Reggae Shooting Star Kabaka Pyramid zeigte sich energiegeladen und spielte auf die Unterschiede von Hiphop und Reggae an, zeigte in einem Show-Off, dass er beides beherrscht. Warum also nur entweder oder?

Hiphop & Reggae, eine Soße.a Dass die Künstler*innenauswahl für die geringere Besucher*innenanzahl verantwortlich sein soll, ist letztlich nicht richtig schlüssig. Als das Summerjam 2015 seit langer Zeit mal wieder ausverkauft war, spielte am Freitag Abend Cro als Headliner, der zuvor in den sozialen Medien so viel Hass von den Reggaehead abbekam wie selten jemand zuvor. Gleichzeitig war es die Woche aber auch gute 30°C. Hiphop erlangt mehr und mehr Bedeutung und auch Summerjam kann und sollte sich nicht davor verschließen. Wichtig ist, dass man den Kern-Fans, die für Reggae kommen, auch die Kernkompetenz anbietet: Guten Reggae. Mit Roots-Stars wie Damian Marley oder Toots und neuen Sternen am Reggae-Himmel wie Kabaka Pyramid war das dieses Jahr eigentlich auch gegeben. Am Ende wird es dann wohl eher das Wetter und die gefühlte Bedrohungslage gewesen sein, die weniger Tickets verkaufen ließ, möglicherweise auch die Maßnahme, dass Menschen ohne Tickets nicht mehr auf das Campinggelände gelassen werden, welche seit 2015 gilt. Welcher Mensch mit bösen Absichten kann nach einem Konzert von Xavier Rudd diese Absichten überhaupt noch durchführen? Also gilt für nächstes Jahr: Auf besseres Wetter hoffen.

Text: Jana Thomas / Aaron Wilmink

Fotos: Aaron Wilmink / Jana Thomas

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