Feine Sahne Fischfilet @ Themar – eine Nachlese aus der Provinz

News am 5. November 2019 von Kay

Quelle: Feine Sahne Fischfilet

Ein Konzert der derzeit wohl am kontroversesten diskutierten Punk-Band im unfreiwilligen Quasi-Zentrum rechtsnationaler Umtriebe birgt zweifelsohne viel Stoff für die mediale Berichterstattung aller Couleur. Im Kontext der polarisierenden Ergebnisse der jüngst stattgefundenen Thüringer Landtagswahl könnte noch viel mehr analysiert, philosophiert und wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Wer, wie unser Autor Kay, direkt aus der Region stammt, könnte wohl eine ganze Romanreihe zur Einordnung der genannten Umstände verfassen.

Ein Statement zum Konzert von Feine Sahne Fischfilet in Themar außerhalb der üblichen Event-Berichterstattung und ein Versuch, sich kurz zu fassen…

7. Oktober 2019 – Was da am frühen Nachmittag durch den Äther wabert und innerhalb weniger Stunden viral geht, ist nichts anderes als die Ankündigung der derzeit wohl am stärksten polarisierenden Polit-Punk-Combo, ihres Zeichens Feine Sahne Fischfilet (FSF), das bundesdeutsche Epizentrum rechtsnationaler Umtriebe im thüringischen Themar ordentlich aufzumischen. Wow, was für ´ne Duftmarke die FSF knapp zwei Wochen später in die von Neonazis und besorgten Bürgern annektierte Bilderbuchlandschaft südlich des Rennsteigs setzen wollen. Innerhalb von wenigen Minuten waren alle Tickets ausverkauft – der Großteil vom Kontingent ging dabei ganz solidarisch an die Locals vor Ort, die sich aus allen Bevölkerungsschichten heraus aktiv und entschlossen dem Rechtsruck ihrer Heimat entgegen stellen.

Nun muss an dieser Stelle gesagt werden, dass das mit Themar und der Region so ´ne Sache ist. Seit die Stadt durch als “Kundgebungen” angemeldete Konzerte mit teilweise mehr als 6.000 Teilnehmern mehrmals zum Mekka der Ultra-Rechten-Szene verklärt wurde und seit sich im benachbarten Kloster Veßra im Dunstkreis des lokalen Gasthofs und seines geschäftlich wie politisch umtriebigen Betreibers eine schwergewichtige Neonazi-Szene etablieren konnte, war im Rahmen der bundesweiten medialen Berichterstattung wenig Gutes über die Region zu vernehmen. Schnitzel am Führer-Geburtstag für 8,88 €, zigfache Hitlergrüße und Heil-Rufe auf den Konzerten, Polizeihunderschaften und Wasserwerfer zur Gefahrenabwehr, Einschüchterungsversuche und eine latent wahrnehmbare Mir-Egal-Haltung einiger Alteingesessener hinterließen den Eindruck, dass die Region kapituliert angesichts eines massiven Rechtsrucks. Und tatsächlich, der Frust sitzt tief – die Kinder sind weg gezogen, die Wunden der Wiedervereinigung immer noch nicht verheilt und die Welt mit all ihren Problemen á la Rentenreform, Wirtschaftssanktionen und Klimakrise scheint vor dem Hintergrund eines massiven Strukturwandels im ländlichen Raum komplexer denn je. Es ist die Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten, überschaubaren Weltbildern und daraus folgend mehr Nationalstaatlichkeit die viele Menschen umtreibt. Auch für mich als Kind der Region und nach langjähriger Weltenbummelei wiedergekehrter Einheimischer sind die tiefer gewordenen Gräben deutlich wahrnehmbar. Die Entwicklungen und die dazugehörigen Meinungsbildungen spalten die Region, ziehen einen Riss durch die Gesellschaft und machen auch vor langjährigen Freundschaften und ursprünglich festen Familienbanden keinen Halt. Bester Nährboden für alle Rattenfänger aus dem extremen politischen Spektrum.

Wem sich nun angesichts dieser Umstände der Eindruck der politischen Eindimensionalität aufzwingt, dem sei gesagt – Themar kann und IST auch anders! Mit der Intention, eine demokratische Kultur des friedlichen Miteinanders und der kulturellen Vielfalt zu stärken ist 2015 das lokale Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit Kloster Veßra an den Start gegangen. Dabei handelt es sich keineswegs, wie von rechter Seite gerne propagiert, um eine linksideologische Gruppierung, sondern um einen heterogenen Verbund zahlreicher Alters- und Interessengruppen mit dem Ziel, aus der Zivilgesellschaft heraus ein Gegengewicht zum regionalen Rechtsruck zu etablieren. Diesen Menschen und ihrem großen Engagement ist es zu verdanken, dass im Rahmen von Gegenkundgebungen und zahlreichen Aktionen auch das andere, das demokratische, bunte und weltoffene Themar auf die Straße und in die Medien getragen wird.

Eins muss dabei klar sein: Wer in einer ländlichen Region, in der Jeder Jeden kennt, mit so viel Courage und Engagement unter den Vorzeichen einer gespaltenen Gesellschaft in den öffentlichen Diskurs geht, der muss auch ordentlich Scheiße fressen, eben weil er den Rücken gerade macht und nicht wegschaut.

Umso wichtiger wog mit Sicherheit die Ankündigung von Feine Sahne Fischfilet, den engagierten Leuten aus der Region mit einem Exklusiv-Gig den Rücken zu stärken. Denn wer, wenn nicht die Jungs aus Meck-Pomm für die Musik ein Werkzeug ist, um der Wut gegenüber Rassisten, Sexisten, Homophobie und Staat eine Stimme zu geben, weiß um die Bedeutung und die Mühen im Kampf gegen rechte Umtriebe im strukturschwachen ländlichen Raum. Lyrics wie „Habt ihr Angst vorm in die Zukunft sehen? Was bleibt, wenn immer nur die Guten gehen“ (aus „Für diese eine Nacht“, a.d.R.) treffen dabei voll ins Schwarze der Misere. Dabei sind die von Kritikern hervorgebrachten Argumente, die Band sei linksextremistisch, staatsfeindlich und verfassungsschutzrechtlich relevant, im Kontext des Solidaritäts-Konzerts von Themar und dem mitten aus der Gesellschaft heraus entstandenen Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit nebensächlich, zumal sich FSF von kritischen Aussagen und Liedtexten aus ihrer Vergangenheit öffentlich distanzierten. Klar kann man Bauchschmerzen damit haben, wenn die Polizei wie zuletzt im Zuge der Nazi-Konzerte und auch an diesem Abend einen richtig guten Job gemacht hat, FSF jedoch polizeikritische Lyrics zum Besten gibt. Auf der anderen Seite jedoch reden wir hier immer noch von Punk-Musik und den szenetypischen Stereotypen die dabei mitschwingen und generell ist die Grundintention des Abends gänzlich anderer Natur – gemeinsam und Hand in Hand gegen Rechts!

Aber zurück zum Konzert. Für die rund 300 Gäste, die das Glück hatten an die streng limitierten Karten für den Gig im Schützenhaus zu kommen, stand ein emotionsgeladener Abend bevor. Während draußen vor der Location, viel früher als gedacht, die letzten Teile einer deutlich kleiner als erwartet aufmarschierten rechten Gegenkundgebung die Segel strich, stieg die Support-Combo um die Eisfelder HipHopper von 3ST ICH KITE auf die Bretter. Bestehend aus drei MC´s und einem DJ beobachten die Jungs schon seit geraumer Zeit den Rechtsruck in ihrer Heimat mit großer Sorge, weshalb sie bereits in der Vergangenheit in Themar gegen Rassismus und für Toleranz und Zusammenhalt rappten. Definitiv eine musikalische und gesellschaftliche Bereicherung für Südthüringen und ein würdiger Opener für den Abend – die Crowd hat´s gefeiert und mit großen Applaus quittiert!

Es folgte ein kurzes Intermezzo des lokalen Bündnisses, um auf die eigene Arbeit vor Ort hinzuweisen und auf den Headliner und die Bedeutung des Abends einzustimmen.

Als FSF auf die Bretter stiegen, explodierte die Stimmung bereits beim Opener! Vor der Stage ging buchstäblich kein Apfel zu Boden, mit zahlreichen Transparenten wurde der Band gehuldigt und auch im hinteren Bereich des ausverkauften Schützenhauses waren alle Blicke auf die energiegeladene Bühnen-Performance der Nordlichter um Frontmann Monchi gerichtet. FSF zockte querbeet durch ihr umfangreiches Repertoire – gab die ganz großen Hits wie auch weniger bekannte Stücke zum Besten. Dazwischen immer wieder die mitreißenden Ansagen von Monchi zur Einordnung dieses Abends – klare Kante gegen Rechts und Party hard! Über den gesamten Gig hinweg ruhte der Moshpit quasi nie, Stagedives & Crowdsurfing waren ein gängiger Weg der Fortbewegung. Ruhig wurde es nur, als Band member Christoph Sell solo mit emotional-aufrührender Stimme eine bekannte jiddische Partisanenhymne von 1943 zu Ehren der Aufständischen des Warschauer Ghettos vortrug.

Nach mehrfachen Zugaben wurden die Mitglieder vom Bündnis, jung wie alt, auf die Bühne gebeten und zum Dank ihres Engagements kollektiv via Crowdsurfing durch den Saal getragen. Themars scheidender Bürgermeister Hubert Böse, ebenfalls Mitstreiter des Bündnisses, wurde dabei besondere Ehre zu Teil: Jugendsprachlich von Monchi in höchster Anerkennung als „Geiler Wichser“ tituliert, wurde Böse für sein jahrelanges Engagement derart gewürdigt, dass er zum Hit „Komplett im Arsch“ in die Mitte einer sich links und rechts von ihm formierenden Wall of Death gebeten wurde. Dass der Mann nicht nur hinsichtlich seiner politischen und zivilgesellschaftlichen Haltung standhaft ist, zeigte sich spätestens, als beide Fronten ihn einschlossen um den Höhepunkt des Abends zu zelebrieren. Wow, als gestandener Konzertbesucher ziehe ich den Hut vor dieser elektrisierenden Show, dieser brückenschlagenden Band und diesem mitreißenden Kollektiv.

Gut zwei Wochen später, im Nachgang der thüringischen Landtagswahl, bei der fast jeder vierte Wähler sein Kreuz bei der AfD mit einem als faschistoid einzustufenden Spitzenkandidaten machte, stellt sich die Frage: Was bleibt von diesem Abend am 19. Oktober 2019 in Themar?

Nun, es bleibt die Erkenntnis, dass selbst die braun-versifftesten Regionen ein schlagkräftiges Korrektiv mitten aus der Zivilgesellschaft heraus auf die Beine stellen können, um dem geistig-moralischen Rückschritt rechter Stimmungsmache entschlossen entgegen zu treten. Es bleibt die Gewissheit, dass Humanität, Solidarität und kollektive Entschlossenheit allen zersetzenden Kräften überlegen sind. Es bleibt die Hoffnung, dass die Errungenschaften einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft stets stärker sein mögen, als die Demagogie spaltender Rädelsführer! Es bleibt, wie es Bürgermeister Böse treffend auf dem Punkt brachte – ein moralischer Befreiungsschlag!!!

Im Vorfeld des Konzerts antwortete Monchi auf die Frage, was er sich vom Konzert in Themar erhoffe mit den Worten: „Das schönste was sein könnte, ist, dass es den Leuten Kraft gibt!“

Ich sage, MISSION ACCOMPLISHED!!! Meine Heimat noch nicht komplett im Arsch – Danke FSF und danke dem Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit Kloster Veßra!

#FCKNZS

Quelle: Feine Sahne Fischfilet

P.S. Wer die großartigen Menschen vom lokalen Bündnis unterstützen möchte, kann das hier tun…

P.P.S. Wer Feine Sahne Fischfilet auf ihrer aktuellen Tour erleben will:

28.11.2019 Saarbrücken – E-Werk
29.11.2019 Wetzlar – Rittal Arena
30.11.2019 Lingen – Emsland Arena
05.12.2019 Zürich (CH) – Volkshaus
06.12.2019 Kempten – bigBOX ALLGÄU
07.12.2019 Wien (AT) – Gasometer
11.12.2019 Freiburg – SICK Arena (Nachholtermin)
12.12.2019 Mannheim – Maimarkt Club
13.12.2019 Zwickau – Stadthalle
14.12.2019 Oldenburg – Weser-Ems-Halle
19.12.2019 Dortmund – Westfalenhalle (Hochverlegt)
20.12.2019 Koblenz – CGM Arena
21.12.2019 Hamburg – Sporthalle Hamburg (Ausverkauft)
22.12.2019 Hamburg – Sporthalle Hamburg (Zusatzkonzert)
27.12.2019 Frankfurt/ O. – Messe
28.12.2019 Bamberg – BROSE ARENA

Ein Kommentar zu “Feine Sahne Fischfilet @ Themar – eine Nachlese aus der Provinz”

  1. Nummer 1: Thomas Stötzer sagt:

    A. Merkel war mal Sekretärin für Agitation und Propaganda, Joschka Fischer hat Polizisten verprügelt…. Und wen juckt’s? Alles nur scheinheiliges Gelaber der Spießer und “Saubermänner.

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