Ein friedliches “A Summer’s Tale 2019”

News am 17. September 2019 von Annika

Die Arbeitswochen bei diesem Wetter sind so ätzend, oder? Dann am Mittwoch die Segel zu streichen, den Bully zu packen und am Donnerstag die Dreiviertelstunde Fahrt nach Luhmühlen anzutreten, ist echt ein Sommer-Joker.

Die Festivalhopper Annika und Susi berichten vom A Summer’s Tale Festival 2019.

Die Cabanossi direkt im Auto geknackt und der Weinkanister wird bei Ankunft angezapft, viel zum Aufbauen haben wir nicht. Der Donnerstag ist ruhig, es sind erst wenige Leute da, man verteilt sich großzügig auf dem weitläufigen Gelände und gesellt sich unter hunderte Birkenstocks, Funktionsjacken und Yogapants, – ich rieche Mückenspray an der Bar rechts UND links neben mir. So kann mir ja dann auch nichts passieren.

Wir gucken Whitney die uns nicht total umhauen aber der Sänger, der auch der Drummer ist, regelt das alles ganz souverän. Sonst reißt uns die Musik heute noch nicht so vom Hocker.

 

An dieser Stelle stattdessen ein Shoutout an die Ladys unserer Pub Quiz Gruppe “Sido” – Sibylle, Dorothee, es war uns eine große Freude mit euch! Die eine Frage, die ihr da so versemmelt habt, die bezüglich Woodstock … die sei euch vergeben! Die Leute vom Molotov haben das auf jeden Fall sehr gut gemacht: einfallsreich, unaufgeregt und rücksichtsvoll. Kein Wunder, dass das Zelt aus allen Nähten platzt.

Heute ist eher Ankommen, Vibe checken und dann früh ins Bett.

Was uns wundert ist, dass eine sehr große Bühne weniger am Start ist dieses mal. Es scheint sich auch bei der Festival-Belegschaft ein bisschen was geändert zu haben. Wir haben uns umgehört: Organisationen, Marktstände und Securities machen zwar alle gute Miene, aber nicht alles ist gut gelaufen – man guckt zum Teil jetzt schon in müde Augen.

 

 

Da bei diesem Festival hier nix, aber auch wirklich gar nix ‘low budget’ ist, wundern wir uns ein bisschen über die Ausstattung bezüglich Hygiene. Das ist eher mittlerer Standard, mit “Komfort” – wie der Platz ausgeschrieben ist – hat das nichts zu tun. Diesmal sind aber durchgehend alle Duschen warm. Der Campingplatz sieht insgesamt aus, als würde ein Filter auf meiner Brille liegen: Lichterketten, sorgfältig angelegte Holzwege, ein kleiner Pool und ab und an einer Bar, das ist schon alles richtig liebevoll gemacht und wird auch sehr ordentlich behandelt.

Den Tag kann man mit Yoga anfangen: das haben so viele gemacht, dass sich schon eine große Traube vor Einlass auf das Gelände gebildet hat. Man kann sich aber auch einfach richtig lange die Sonne auf den Pelz scheinen lassen und nach dem Frühstück nochmal ne Runde knacken. So wie ich.

Nun zum Musikalischen: Kelvin Jones eröffnet die Konzertbühne und es kommen viele. Der Dude ist sehr charmant und für die Eröffnung gegen Mittag – und beachte man den Regenschauer – wird schon richtig ausgelassen gefeiert! Später auf der Waldbühne hören wir die Musik von Trixie Whitley. Die finde ich sehr wechselhaft aber alles in allem etwas jammerig. Wir machen ein Nickerchen, man sollte wirklich IMMER eine Decke dabei haben! Das ist das Tolle an dieser Veranstaltung: Bier, Picknick, Musik, Schuhe aus, in die Wolken starren… ab und zu landet halt ein Kinderfuß in deiner Mayo. Seis drum.

Tina Dico ist offenbar der Mutti-Magnet, in der Zwischenzeit haben die Väter Kinderdienst und stellen den Grill vor dem WOMO auf.

Kettcar ist am Nachmittag ein Lückenfüller, …what else is new – die Singer/Songwriter in Deutschland sind scheinbar alle von dem gleichen Song inspiriert worden. Oder sie denken alle “Ach toll das kann ich auch.” Stimmt, ich kann auch keinen Unterschied zwischen der Hauptbühne und der “Open Mic” Stage direkt daneben erkennen.

Mein Highlight des Tages ist das Raclette, dass wir im Bully machen und meine emotionale Achterbahnfahrt beim Bingo. Ich hatte nämlich meinen ganz persönlichen Jennifer Lawrence Moment, als ich meinen Preis abholen wollte. Nun habe ich ein blaues Knie, aber wir hatten ordentlich was zu lachen.

Spät abends spielten dann noch Suede, bekannt mächtig, schräg und very britisch. Wir statten den Medis dann noch einen Besuch ab. Nichts Wildes, aber man kümmert sich rührend um uns – es ist wohl außer ein paar Allergikern, aufgeschürften Knien und juckenden Augen nicht viel los auf diesem Fest. Gut so und kein Wunder weil alle so lieb sind.

 

Der Samstag überzeugt mich musikalisch auch nicht so richtig: Clickclickdecker und Das Paradies – maaaaan es wird immer öder.

Ich bin später aber dann ganz happy über Giulia Becker, die liest aus ihrem Buch – so charmant und funny geschrieben. Auch eine sehr unterhaltsame Combo mit ihrer Kollegin Nora – da kann man mal das Buch kaufen!

 

Lee Fields & The Expressions gibt danach Soul für alle. Das ist mal ein guter Musiker und eine solide Abwechslung mit Glitzer Jäckchen und endlich etwas Energie! Es kommen starke Erinnerungen an Charles Bradley hoch.

Noch ein Kommentar zum Essen: Lachsdöner!? Wie das schon aussieht! Mega-eklig. Da ist auch nie jemand am Stand. Ein Glück gibt es ausreichend Alternativen für unser Bio-Herz: Fleisch von fröhlichen Kühen, vegane Crépes und unser Klassiker: Käsespätzle.

Und dann kommt Faber am Nachmittag. Haben sie den auch für harmloser gehalten als er ist? Seinen schmutzigsten Song spielt er nur mit einer vorgeschobenen Entschuldigung, wir würden alle so anständig aussehen, aber er kennt uns ja nicht. Die Zeit vergeht wie im Flug und alles tanzt und singt mit.

Sehr gemischte Gefühle hat man bei Die Goldene Zitronen die einen feiern und können sich genau darüber freuen, was die anderen zum Abgrenzen brauchen und echauffiert. Es gibt immernoch keinen Alkoholfreien Sekt, bei so vielen Schwangeren, Stillenden und Minderjährigen kann man sich da mal mehr einfallen lassen als Weizen und Schorle.

Xavier Rudd aus Australien schaut noch vorbei. Zunächst schüchtern mit Didgeridoo und Sea Shepard Shirt, später dann mit Glitzer-Mantel und Headbanging. Viele sind nur für ihn und ZAZ heute angereist.

 

Abends dann der Headliner: ZAZ spielt sehr intensiv und hat ne tolle Lightshow dabei. Sie erzählt auch viel – aber parlez vous francais!? Die meisten leider nicht genug und überall klagen sie. Sie übersetzt ein bisschen was, aber viel versteht glaube ich keiner. Bisschen schade halt.

Abends wird im Atelier wieder die Indie Party steigen. Das ist spitze wie immmmmmmer und die Kollegen die noch essen verkaufen müssen halten sich bei Laune mit den immer gleichen Sprüchen!

Am Sonntag bauen dann alle ab, sowohl Zelte als auch Geduld. Vor allem innerhalb der Familien: es hallt ein lauter Stimmenchor „Wir wollen gehn‘ – wir wollen gehn‘ “ von mindestens 5 Kindern mit steigender Lautstärke. Ob die den nächsten Kneipenchor gründen? Acht-Jährige mit hippem Merchandising, Bier in der Hand und “Wonderwall”-schmetternd. I mean why not.

Zu Rayland Baxter an die Waldbühne kam ich wegen seinem Schnauzer und blieb weil ich ihn echt heiß fand und Bock auf seine mellow Show hatte – tolle Stories in den Songs! Dafür hab ich den Subkultur Film A Global Mess leider verpasst, den guck ich mir aber noch an. Mal gucken wie man da drankommt. Ach – und der Kartoffelstand hatte keine Trüffelmajo mehr!

Die Charlatans ziehen offenbar auch noch mal hartgesottene Fans an. Andere wundern sich, dass diese Band 30 Jahre alt sein soll, und so ‚heute‘ klingt, vielleicht weil oft kopiert?

Jetzt bekomme ich bei Kate Nash auch noch mal was fürs Herz – ich liebe sie ja in der Netflix Show “Glow”, aber ihr Auftritt hier ist so unapologetic, aggro und zeitgemäß, dass ich von den hängengebliebenen Britpoppern versöhnt bin! Ganz vielleicht hat sie ein bisschen viel Avril Lavign in ihrem Gepäck, und ganz ganz vielleicht bin ich doch genauso hängen geblieben bloß ein My später.
Kate lief noch auf dem Gelände rum, machte Selfies mit den Kids – ein richtiger Popstar!!!

Heinz Strunk liest nun noch aus dem Teemännchen – ganz solide wie man ihn kennt. Besonders witzig sind die Entstehungsgeschichten der Parts. Er blüht immer etwas auf wenn er improvisiert und am Ende nimmt er natürlich noch die Querflöte dazu. So ist er.

Abends wird es weich und wundervoll: zum Sundowner gibt es Michael Kiwanuka, der nach 3 Jahren wieder zurück an die Luhmühle kehrt. Damals noch auf der kleinen Zeltbühne, ist er dieses Jahr einer der Headliner auf der riesigen Hauptbühne. Mittlerweile haben seine Songs es in die Playlists der Radios geschafft, sodass einige mitträllern – oh gott es ist so friedlich.

Insgesamt wird heute etwas offensiver gewechselt zwischen den beiden Bühnen. Die Markt und Workshop-Zelte scheinen relativ unbesucht. Heute ist das Line Up wohl deutlich beliebter!
Cat Clyde wird sehr gut aufgenommen und Elbow bringt am Ende des Abends noch ein wenig Aggressivität ins LineUp. So versucht Guy Garvey leicht angetüdelt auch die hinteren wippenden “lazy fuckers” (hat er wirklich fuckers gesagt, oder haben wir es uns nur gewünscht?) Zuhörer zu animieren. Elbow ist grandios, aber ich gebe zu, es ist viel unterhaltsamer, wenn man ihre Platten kennt.

Es gibt halt noch immer keinen alkoholfreien Sekt, – abends habe ich dafür Kakao getrunken, das Bild war vorher schon rund aber damit ist die Mischung aus heimeligen Kindheits- Erinnerungen, friedlicher Gegenwart und homogener Future-Hoffnung einfach etwas zu ungetrübt. Das Mädel am “Fridays for Future”-Stand hatte übrigens zwei Zöpfe – ist das ne 12 jährige mit Selbst-Ironie gewesen? Vermutlich ist es einfach trendy, oder?

Das A Summer’s Tale wird eine einjährige Pause machen und wird voraussichtlich das nächste Mal vom 22.-25.07.2021 stattfinden.

Text: Eine Susi
Fotos: Annika Brandt

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