Highfield 2014: Ein Fest zwischen Punkrock und Hip-Hop

News am 19. August 2014 von Konzertheld

beatsteaks-highfield-2014-0705Seit dem finanziellen Untergang des AREA4 hat das Highfield leider keinen Zwilling mehr. Gelitten hat darunter aber nur die Region Ruhrgebiet, keineswegs das verbliebene Festival in Großpösna bei Leipzig in Sachsen.

Am schönen Störmthaler See konnten daher dieses Jahr 25.000 Menschen drei Tage Musik genießen: Das Highfield 2014 war an dieser Location erstmals ausverkauft.

Text Christian Gredig / Fotos Nikolas Khurana

Wenn man sich aus seinen Festivalbändchen einen Pullover nähen kann, ist es Zeit, Festivals anders anzugehen als immer chronologisch alle Bands anzuschauen. Daher diesmal auch der Bericht in kategorisierter Form zum „Überblättern“ für alle, die eh nicht alles interessiert.

Gelände & Wetter

highfield-2014-0247Dort wo bei Deutschlands größtem und neuerdings locationlosem Festival noch Zuschauer in der letzten Reihe der dritten Welle stehen würden, war beim Highfield der Zeltplatz schon fast wieder zu Ende. Nicht nur einmal haben wir uns über den wirklich direkten Übergang vom Camping ins Konzertgelände gewundert – und gefreut! Denn ist es großartig, beim Mittagessen auf dem „Grüner Wohnen“-Gelände den Bands zuzuhören als wäre man dabei und bei Bedarf auf den riesigen Bildschirmen auch zuzuschauen. Der angrenzende „normale“ Zeltplatz war sogar noch näher dran, kam dafür jedoch nicht in den Genuss warmer Duschen und dauerhaft sauberer wassergespülter Klos. Trotzdem war es auf dem Konzertgelände nicht beengt, es gab zu jeder Zeit bei jeder Band gute Chancen, noch weit nach vorne zu kommen. Hoffen wir, dass die Veranstalter das nicht zum Anlass nehmen, einfach mehr Karten zu verkaufen.

Alternativ zum Liveprogramm konnte man auch am wenige Minuten entfernten Strand entspannen oder eine der zahlreichen Wassersportmöglichkeiten wahrnehmen. Schwimmen, Windsurfen und wilde Fahrten auf an Motorboote geschnallten überdimensionalen Luftmatratzen erfreuten sich großer Beliebtheit und wir sichteten sogar eine „Grinsel“ – ein im See treibendes Boot mit Grill…

highfield-2014-0592Obwohl es bis auf einen heftigen Platzregen zumindest an den Konzerttagen meist trocken blieb, vertrieb der kühle Wind am Sonntag doch viele recht bald wieder vom Strand – was ärgerlich war, denn das

Highfield-Line-Up

ließ in der Mittagszeit doch teilweise zu wünschen übrig. Während am Samstag immerhin noch Nichtmehrganzsogeheimtipps wie Marathonmann oder Montreal die Bühnen aufwärmten und mit elektronischen Klängen z.B. von Roboz das Programm durchmischten, wirkten die Bands auf den frühen Slots am Sonntag größtenteils wie Punk-Einheitsbrei auf uns. Da nutzte es auch nicht viel, dass einige davon im Festivalradio vorgestellt wurden und auch potenziell sympathisch wirkten. Der Bruch zwischen tagsüber und abends war nicht zu übersehen.

Kommerz

Das kritisierten auch einige der alteingesessenen Highfield-Besucher: „Früher war mehr Rock’n’Roll und Heavy Metal!“ Es ist ja bei allen stark wachsenden und erfolgreichen Festivals umstritten, ob es nun eine gute oder schlechte Idee ist, massentaugliche Größen wie Fettes Brot oder Macklemore zu buchen. Einerseits möchte und soll das Festival dauerhaft überlebensfähig sein, andererseits wirkt sich das natürlich auf den Eintrittspreis und auch auf die Preise vor Ort aus. Während man bei 60 Euro für Bungeejumping aus 60m Höhe aufgrund des enormen technischen Aufwandes noch ein Auge zudrücken kann (oben vielleicht sogar lieber beide), sind 4 Euro für eine No-Name-Cola einfach Wucher.

Highlights am Sonntag

macklemore-highfield-2014-0841Kein Wunder allerdings, wenn man Macklemore & Ryan Lewis aus den USA einfliegt, die außer Videos, Lightshow und Pyrotechnik auch noch ihren Kumpel Fences mitbrachten. Musikrichtungsmäßig waren die Rapper eher als Bonus denn als Headliner zu betrachten, erst Recht, nachdem schon bei den Beatsteaks direkt davor wohl nahezu jeder Besucher anwesend war. Trotz oder auch gerade durch den hohen Moderations- und Hintergrundgeschichtenanteil kam Macklemore aber ausgesprochen sympathisch rüber, sei es die ehrliche Begeisterung über die Zuschauer („Can’t believe you guys do this shit. That’s awesome“) oder endlich mal etwas bessere „Ihr seid die Größten!“-Ansagen („When I come home, my father will ask me: Out of all the festivals and all the concerts you just played, which one was the best? And I will answer: I have no fucking clue“). Einen Stimmungsbogen gab es durch die viele Erzählerei nicht und so mancher mag sich daran stoßen, aber wen juckt es, wenn bei Hits wie „Thrift Shop“ oder „Can’t Hold Us“ ohnehin alle Partywütigen sofort durchdrehen. Letzteres gab es am Ende sogar nochmal – ungewöhnlich, aber vermutlich mit dem gemessen an nur einem Album langen Slot zu erklären und durchaus vom Publikum akzeptiert.

the-hives-highfield-2014-0569Noch viel mehr Party gab’s zuvor schon bei The Hives, deren Sänger ein wesentlich größeres Ego als vermutlich jeder andere Künstler auf diesem Festival besitzt: „And who of you will come see The Hives again? That is my favorite question, because it has a 100% agreement rate, sometimes even 145%, which is great, even more than possible, but that’s okay, because we are The Hives.“ So ist das wohl, wenn man Tausende kontrollieren kann. Heißt es „and now shut up!“ von der Bühne, ist es still. Still wie in still, nicht still wie in „es reden immer noch alle, aber das Gegröhle hat aufgehört“. Und „hinsetzen bitte“ mit schwedischem Akzent heißt: Alle hocken auf dem Boden. Alle wie in alle, nicht wie in „oh cool, da hinten bei dem Bierstand machen auch noch zwei mit“. Was für eine Party – der Großteil der Zuschauer dürfte wohl mehr Zeit in der Luft als auf dem Boden verbracht haben.

jimmy-eat-world-highfield-2014-0360Dazu dürften außer der schwedischen Band mit den Ninja-Roadies und deren eingefleischten Fans auch Jimmy Eat World beigetragen haben, die uns zuvor eingeheizt hatten. Die nämlich waren wohl für einige eine der Überraschungen des Wochenendes – obwohl eher für poppige Songs bekannt, gab es beim Highfield ein ausgesprochen rockig präsentiertes Set. Dabei konnten die Amerikaner auf inzwischen acht Alben zurückgreifen, aus denen bunt gemischt wurde, so dass außer besonders erfolgreichen Titeln wie „The Middle“ auch Songs wie „Big Casino“ dabei waren. Man darf davon ausgehen, dass Jimmy Eat World wesentlich bekannter und erfolgreicher wären, wenn sie ein Label finden würden, das ihre Qualitäten würdigt.

Freitag & Samstag

highfield-2014-0752Besser vermarktet, aber unter Niveau präsentiert waren hingegen Revolverheld. Bei den Deutschrockern kam wieder unser Diskussionsthema des Wochenendes durch – wo ist die richtige Balance zwischen Individualität und kommerziellem Erfolg? Revolverheld entwickeln sich seit ihren Anfängen („Die Welt steht still“) immer mehr in Richtung Kitschpop („Ich lass für dich das Licht an“). Beim Highfield gab es vor allem eine Präsentation der poppigen Seite der Hamburger, unter anderem mit „Spinner“ und einer modifizierten Version von „Freunde bleiben“. Beim obligatorischen Mitsingteil wurde das Publikum sogar noch explizit auf den eigentlich sehr wütenden Text hingewiesen, aber so richtig überzeugend kam das nicht, nachdem das halbe Lied auf eine Akustikgitarre reduziert wurde.

bosse-highfield-2014-9794Da kann man sich doch besser Bosse geben, bei dem auch tatsächlich viel mehr Zuschauer anwesend waren. Der wirkt einfach immer wieder authentisch, wenn er von früher erzählt und davon, wie es ist, als Musiker älter zu werden, und dann trotzdem über den Graben klettert und sich zum Entsetzen der Securitys alleine in die Zuschauermenge stürzt, um mit den Leuten zu singen. Damit gewinnt er in Sachen Sympathie auch gegen die Brote, die den Headliner gaben und erstmal richtig auf die Kacke hauten – nein, auf die Kuscheltiere.

fettes-brot-highfield-2014-0119Wie kann man nur Kuscheltiere zerstören? Poserei und Flüche gehören beim Hip-Hop wohl einfach dazu, auch Kollege Macklemore feuerte kräftig Luftschlangen und Pyrotechnik ab. Zum Glück sind die Brote ja nicht die Ärzte und verwenden deshalb mehr Zeit auf Musik als auf das Rumposen. An Hits mangelt es auch nicht und so landen Fettes Brot vielleicht nur deshalb nicht unter „Highlights“, weil schon vorher absehbar war, dass es geil wird.

Am Freitag schließlich verpasste ich leider durch die späte Anreise (für die das Festival nichts kann, der Shuttlebus funktionierte gut) die meisten Bands, aber Queens Of The Stone Age sollten dennoch Erwähnung finden – immerhin stellten sie vielleicht als einziger Headliner alte wie neue Highfield-Besucher zufrieden. Handgemachter klassischer Rock, mehrere ewig ausufernde Gitarrensoli, raffinierte Instrumentalparts und knackige Moderationen – Profis bei der Arbeit, einfach gute Musik und als letzter Act des ersten Tages für die einen das Bonbon, für die anderen der Rausschmeißer.

Menschen & Atmosphäre

highfield-2014-9705Während bei anderen Festivals oft hart gesoffen und randaliert wird, wenn die Bands wie Freitag Abend nicht mehr genug Leute auf das Konzertgelände ziehen, war es beim Highfield durchgehend ausgesprochen friedlich. Das war nicht immer so – vor einigen Jahren machten Ausschreitungen mutmaßlicher Ku-Klux-Klan-Anhänger Schlagzeilen – aber zumindest in diesem Jahr musste man schon fast suchen, um ein paar Saufkumpanen zu finden. Dazu trugen sicher auch die zahlreichen Lotsen und Securitys bei, die stets freundlich und gut informiert waren und darüber hinaus auch undankbare Aufgaben wie Müll einsammeln, Leergutautomaten betreuen und Klos putzen erledigten. Daher an dieser Stelle ein dickes Lob an alle Mitarbeiter und Helfer!

Das Festival war aber sicher auch deshalb ein so friedliches Fest, weil sich die Besucher schon von alleine größtenteils an die recht strengen Regeln hielten. Glasflaschen waren auch auf dem Campinggelände verboten und Crowdsurfen war strikt untersagt. Der eine oder andere hat sich sicher darüber geärgert, aber bei den hier vertretenen Musikrichtungen konnte man auch gut mal darauf verzichten und offenbar gibt es stichhaltige Statistiken, die belegen, dass Crowdsurfing-Verletzungen meist sehr schwerwiegend sind (und umgekehrt die meisten schwerwiegenden Verletzungen auf Festivals vom Crowdsurfing kommen).

highfield-2014-9750Wen nun der Eindruck beschleicht, dass Highfield sei ein ausgesprochen spießiges Festival, kann beruhigt sein: Auch in Sachsen weiß man, was Flunkyball ist, wie man sich anständig betrinkt und was die einzig korrekte Reaktion ist auf „Hallo, wir sind die Cantina-Band, wenn ihr irgendwelche Songwünsche habt, dann ruft sie einfach rein!“ Außerdem werden hier neue Parolen geprägt – „RIE-SEN-RAD!“ ist das neue „ZU-GA-BE!“. Das allgegenwärtige leuchtende Riesenrad bekam von den Broten spontan einen eigenen Song, dessen eingängiges Mantra („Riesenrad!“) ab sofort bei jeder Gelegenheit angebracht wurde. Macklemore fand’s auch geil, auch wenn er nicht verstand was wir da eigentlich brüllten.

Etwas mehr Sauberkeit und Idylle und ein wunderbar blauer See mit richtigem Strand in direkter Nähe sind jedenfalls definitiv Gründe, die für ein Festival sprechen, nicht dagegen. Auch organisatorisch haben wir am Highfield nichts auszusetzen. Man darf also gespannt sein, wie sich die verschiedenen Musikrichtungen in Zukunft im Line-Up präsentieren, und sich schonmal auf das nächste Jahr freuen.

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